Römische Kaiserzeit und frühe Völkerwanderungszeit (15 v. -450/480 n. Chr.)

Siedlungsfunde in Form typischer Keramikscherben von frühen, um die Mitte des 1. Jh. v. Chr. aus dem mittleren Elbegebiet eingewanderten, germanischen Gruppen konnten in dem schon oben erwähnten großen Siedlungsareal östlich der Stadt entdeckt werden.

 

Die Funde gehören zur elbgermanischen Großromstedter Kultur, die mit dem bekannten Stamm der Hermunduren in Verbindung gebracht wird und in Thüringen einen relativ kurzzeitigen Übergangshorizont (ca. ab 50/40 v. bis 15/20 n. Chr.) während der späten vorrömischen Eisenzeit und der frühen römischen Kaiserzeit bildet.

 

In der nachfolgenden älteren römischen Kaiserzeit (ca. 20 bis180 n. Chr.)gehört das nordwestthüringische Gebiet bis zur Saale zum rhein-weser-germanischen Kulturkreis, wobei für unser Gebiet mit einem intensiven Zuzug von germanischen Verbänden aus dem Nordwesten (wohl Angehörige des Stammes der Chatten) zu rechnen ist.

 

Größere Siedlungen bestanden auf dem eben behandelten Platz, dem Gelände der Burg und Vorburg am Nordwestrand des Ortes am Standort der Zweifelderturnhalle und im Gebiet Stadion/Tulpenweg. Bei den früher erwähnten Ausgrabungen im Bereich Tulpenweg konnten mit Siedlungsabfall verfüllte Haus- und Siedlungsgruben aus dieser Kultur untersucht werden.

 

Neben vielen verzierten einheimischen Scherben des 2. Jh. n. Chr. wurde auch das Fragment eines rot glänzenden provinzialrömischen Tongefäßes (Terra sigillata, eine Töpfermanufakturware aus Gallien und dem Rheingebiet) geborgen. Terra sigillata Scherben konnten ebenfalls im Bereich der Vorburg in von einer großen Siedlung südlich des Ortes geborgen werden.

 

Weitere wichtige Importfunde waren eine Silbermünze (Denar) des Kaisers Marc Aurel für seine Gattin Faustina Filia (+ 176 n. Chr.) und eine wohl zu einem römischen Pferdegeschirr gehörende Bronzeglocke aus dem 3. Jh. n. Chr.

 

An der Straße nach Kutzleben wurde 1999 ein, durch den Pflug gestörter, germanischer Brandgräberfriedhof der älteren römischen Kaiserzeit (1. -2. Jh. n. Chr.) entdeckt.

 

2005 wurde auf Grund älterer Hinweise ein weiteres großes Siedlungsareal, im Süden der Gemarkung, genauer bestimmt und bestätigt werden. Auf einer mehrere Hektar großen Fläche wurden eine große Anzahl Scherben des 2.JH. bis späten 3. Jh. n. Chr. gefunden. Dazu gehören Terra sigillata und eine beachtliche Anzahl spätkaiserzeitlicher Drehscheibenscherben. Die im gleichen Areal aufgefundenen Skelettreste, Scherben, Steinbeile und Feuersteinklingen, deuten auf ein übersiedeltes Gräberfeld der Jungsteinzeit hin.

 

Im beginnenden 3. Jh. n. Chr. stoßen erneut Angehörige verschiedener elbgermanischer Stämme aus dem Gebiet nördlich des Harzes (Mittelelbe/Havel) in das Thüringer Becken vor.                                                                                  

 

Ob diese „Elbgermanen“ als die ethnische Grundlage des sich endgültig in der zweiten Hälfte des 5. Jh. formierenden großen Stammesverbandes der Thüringer angesehen werden können, steht noch in der Diskussion.

 

Reiche Siedlungsfunde aus der späten römischen Kaiserzeit sind wiederum vom Gelände der Burg, am Nordwestrand, östlich und südlich des Ortes nachgewiesen.

 

Neben typischer handgemachter Tonware wurde auf allen drei Fundplätzen auch eine spezielle Drehscheibenkeramik des späten 3.Jh. geborgen, die aus dem bekannten germanischen Töpfereizentrum Haarhausen bei Arnstadt (Ilm- Kreis) stammen.

 

Besondere Erwähnung verdient ein Fund einer bronzenen germanischen Gewandspange, aus dem Bereich St. Andrae (siehe Altfunde), deren als „Schild“ bezeichnete scheibenförmige Fußerweiterung einst wohl mit einer Glaseinlage verziert war. Exemplare dieses relativ seltenen Typs datieren noch in die erste Hälfte des 3. Jh. n. Chr. Zusammen mit diesen Fund aus der Verfüllung eines vermutlichen Grubenhauses wurde auch Drehscheibenkeramik vom „Typ Haarhausen“ aus der 2. Hälfte des 3. Jh. geborgen.

 

Es bleibt zu klären ob sich in diesem Bereich eventuell sogar die Wurzel des frühmittelalterlichen Siedlungskerns St. Andrae (Winkelhöfe/Voringhöfe) bildete.